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deutsch Wie sehr freue ich mich auf Paris, meine Zwischenstation auf der Rückreise. Dort werde ich nach Jahren in Südafrika wieder eine renommierte Kunstausstellung besuchen und Claude Monet’s “Wasserlilien” sehen. Ein impressionistisches Meisterwerk, das die Realität: Wasserlilien, in ein Gefühl verwandelt. Eine horizontale Ansicht auf einen Teich, auf dem sich der Himmel spiegelt, alles ohne Horizont. Monet hatte mehrere Gärtner angestellt, die sich um seine realen Wasserlilien kümmerten.
Auf meinem Fußweg zur Gautrain-Zugstation in Johannesburg sehe ich auf der Straße auch Gärtner. Und Hausmeister, Straßenkehrer, Sicherheitspersonal, Obdachlose. Alle starren sie auf die großen Taschen, die ich trage – was in mir wieder diesen alltäglichen Verfolgungswahn auslöst. Ich möchte doch nur ein letztes Mal durch die Stadt laufen, die ich 2 Jahre lang meine Heimat nannte. Und dann möchte ich den Zug nehmen, den Zug zum Flughafen, nach Europa.
Weniger als 5 Kilometer entfernt ragen die Hochhäuser rund um Johannesburgs “Central Business District” in den Himmel: Hillbrow, wo sich in den Achtzigern noch die High Society traf, das Carlton Center, höchstes Bürogebäude Afrikas und das legendäre Ponte-Hochhaus. Ich erinnere mich an meine Nervosität, als ich das erste mal zu Fuß durch die Innenstadt bummelte. Dazu hatte ich meinen Geldbeutel und mein Handy zu Hause gelassen, mir 50 Rand in die Hosentasche gesteckt und war in einen Metro-Bus gesprungen. Von Fußgängern verstopfte Straßen, Marktstände überall, das war ein Gefühl von Afrika, so anders als die Nobelgegenden hier in Nord-Johannesburg, rund um die Gautrain-Zugstationen Rosebank und Sandton.
Über der Downtown Skyline breitet sich der afrikanische Himmel aus. Ein letztes Mal berauscht mich dieser Anblick: diese Topologie, diese unbegreifbare Dimension. Vor meinen Augen verwandeln sich die Wolken in abstrakte, sich vertikal und horizontal ausbreitende Monumente. Ja, ich gebe zu, dieser reale Himmel über Johannesburg sieht noch kraftvoller aus als Monet’s gemalte Wasserlilien.

Bei meinem Spaziergang passiere ich Mauern und Zäune, Überwachungskameras. Mein Gott, wie werde ich es lieben, nachts durch deutsche Straßen zu schlendern, mit einer Flasche Bier in der Hand und kein bisschen Angst davor, ausgeraubt zu werden. Ich traf Südafrikaner, die sich über Leute lustig machten, die überfallen wurden: “Bleib in Deinem Haus” sagten die. “Bleib in Deinem Gefängnis” war das, was ich dabei hörte.
Die innig geliebten Einkaufszentren mit ihren Sicherheitszäunen, bewaffnetem Wachpersonal und Überwachungskameras sind für mich nichts anderes als ein getarntes, anderes Gefängnis. Viele Südafrikaner gehen dorthin um sich frei zu fühlen. Diese Einkaufszentren sind der Stolz des Landes und einzigartig auf dem gesamten Kontinent. Milisuthando Bongela benennt in der Wochenzeitschrift “Mail&Guardian” die vielen Weißen – der “weiße Faktor” – als weiteres Argument dafür, weshalb Südafrikaner denken, ihr Land sei besser dran als andere afrikanische Länder.
Weitere, an hochentwickelte Länder erinnernde Besonderheit am Kap der Guten Hoffnung: Autobahnen, modern ausgebaut, sechsspurig, zwischen Johannesburg und Pretoria. Und gleichzeitig: Schlaglöcher, Schlaglöcher und Schlaglöcher, zum Beispiel auf der Nationalstraße N6 zwischen East London und Blomfontein. Und Schlaglöcher auch hier, auf der Oxford Road auf dem Weg zur Rosebank-Train Station.
Ein Bus des Gautrain-Zug-Betreibers fährt an mir vorbei. Kaum Fahrgäste darin. Wer will auch den doppelten Preis zahlen, nur weil es ein goldener Gautrain-Bus ist? Der öffentliche Metro-Bus kostet weniger als die Hälfte. “Finanzielle Apartheit” kommentierte dies ein südafrikanischer Kollege. Er erinnerte sich an die Apartheit-Busse vor Jahren. Heute nehmen immerhin die Metro-Busse alle Passagiere mit. Wobei ein Weißer in einem Metro-Bus heute etwas Außergewöhnliches ist.
Weiße, die sich mit HIV infizieren, sind ebenfalls relativ selten. Es gibt keine Faustformel, mit der die HIV-Epidemie in Südafrika zu erklären ist. Viele parallele sexuelle Partnerschaften wird als ein herausragender Beschleuniger der Ausbreitung des HI-Viruses angesehen. Und wie soll diese Promiskuität eingeschränkt werden? Wenn reiche, präsidiale Vorbilder ihre Vielweiberei im TV zelebrieren, wie käme da ein armer Township Bewohner – beispielsweise aus dem Township Mamelodi – dazu, sich selbst einzuschränken? Mit Sex-Verzicht würden sich seine Aussichten auf ein unerreichbares besseres Leben auch nicht verändern.

Weitere Momentaufnahmen: Das schwarze Sicherheitspersonal, das auf die vielen Nobelvillen aufpasst. Billige Arbeitsplätze zum Wohl der Reichen. Aber immerhin ist dieses Personal nicht arbeitslos. Die Webeplakate in Johannesburg Downtown und in den Townships mit dem Hinweis “Penis Verlängerung” als auch “Abtreibung am selben Tag”. Das ist konsequente Werbung, von Anfang bis Ende gedacht, Zielgruppe Täter und Opfer auf einem Blatt Papier! Südafrika führt weltweit die Statistiken an bei Gewalt gegen Frauen.
Ich denke auch an Nkosana, den kraftvollen Poeten aus dem Township Orange Farm. Verstörende und mächtig inspirierende Wörter hören nicht auf aus seinem immer-kreativen Mundwerk zu hip-hoppen. Eine aufgeklärte Person, ich sehe in ihm die Zukunft des Landes. Und – als seine Freundin ungeplant schwanger wird fängt er sofort an, für den Brautpreis – Lobola – zu sammeln. Am Ende fängt sogar ihn die Kultur der Vorfahren ein. Bleibt er ewig Kind der Townships?
Ebenso werde ich niemals die unbegreiflich hilfsbereiten weißen Afrikaaner vergessen, die für mich auf der Nationalstrasse stehen blieben und meinen schäbigen VW Käfer wieder auf Vordermann brachten, mehrmals, und am Ende ernsthaft fragten: “In Europa, gibt es da auch so viele Schwarze? Hier sind es einfach zu viele.”

“Wie gefällt Ihnen Südafrika?” war die typische Frage, sobald jemand mitbekam, dass ich aus Deutschland komme. Die Antworten anderer Zugezogener lehrten mich, was man von mir als Entgegnung erwartet: ein Lob auf die wunderschöne Landschaft, die fantastischen Strände, die Nationalparks, Drakensberge, Kapstadt, das tolle Wetter – sprach jemals jemand von den Bewohnern? Was mir aber wirklich als Antwort in den Sinn kam war: “Ja, das Wetter ist nett – aber vergessen Sie nicht die überfallartigen Orkane mit den Überflutungen und militärisch wirkenden Donner- und Blitzschlägen. Ja, die natur ist berauschen – aber auch Europa bietet einige tolle Gegenden. Und die sind sogar mit dem Öffentlichen Personenverkehr zu erreichen. Man kann in Europa völlig frei von Nervosität durch die Stadtzentren schlendern, bei Dunkelheit, einfach so; man braucht sich nicht stundenlang mit dem defekten Alarmsystem für das eigene Apartment herumschlagen. Natürlich mag ich Südafrika. Aber es ist jetzt nicht unbedingt mein Traumland.” Würde ich in Südafrika so kritisch über Südafrika schreiben, würden die Leute fragen: “Mensch, was hast Du dann hier verloren?” Tja, gute Frage.

Als ich mich auf den Soweto-Marathon 2009 vorbereitete und durch die Straßen der nördlichen Nobelgegenden rannte grüßten mich Gärtner, Sicherheitspersonal, Aufpasser, immer das ungefragte “gut und selbst?” auf den Lippen. Nach der Fußball WM im folgenden Jahr wurde ich nicht mehr so bereitwillig gegrüßt. In Kapstadt war ich als Jogger eher ein unwillkommener Fremdling, den man mit bösen Blicken verscheuchen will. In East London verschluckten mich die Straßen, die Leute ignorierten mich einfach, weder bös- noch gutwillig. In dem Moment lernte ich ein weiteres mal: in Südafrika ist es niemals angebracht davon zu sprechen, was “ die Leute” machen. “Leute” sind zu verschieden, es gibt Unterschiede ethnischer und finanzieller Art, Unterschiede in Herkunft, in Selbstbewusstsein, in Talent, in gegebenen Chancen. Unterschiede sind überall. Eine Generalisierung wie: “die Südafrikaner” ist völlig Fehl am Platze.
Wenn ich nun das Land verlasse bleiben doch einige Fragen: Warum verschließen einige Leute nicht die Tür, wenn sie auf öffentliche Toiletten gehen? Warum sind viele Menschen jedes Jahr aufs Neue überrascht von der Kälte der Juni-Nächte? Wieso gibt es Werbung für Musik, die es dann in keinem Laden zu kaufen gibt? Warum endet nahezu jedes Gespräch mit Südafrikanern beim Thema Kriminalität und dann sagen alle, sie lieben ihr Land? Warum wird nicht viel mehr in Bildung und Ausbildung investiert? Nach der Veröffentlichung der Ergebnisse des zentralen Abiturs 2009 murmelte ein Mitfahrer im Bus “dieses Land ist eine hirnarme Nation” – wortwörtlich “Brainlow Nation” – in Anlehnung an den Ausspruch von Bischof Tutu, der von der “Rainbow Nation” sprach.

Die meisten Leute auf der Straße oder in den Townships bekommen niemals die Gelegenheit, das Land zu verlassen. Ganz im Gegenteil, Südafrika nimmt mehr und mehr Einwanderer von anderen afrikanischen Staaten auf. Sollte ein “Erst-Welt Land” diese Massen an Immigranten aufnehmen, wären Anfeindungen vorprogrammiert. Denn auch in Europa werden Einwanderer nicht als Hauptgewinn angesehen.
Selbst wenn hier am Kap bei weitem nicht alles glimpflich verläuft muss doch festgestellt werden, dass Südafrika einen verdammt guten Job macht. Man ist überrascht von dem Level an sozialem Frieden in Anbetracht der seit Jahren aufgenommenen Flüchtlinge, in Anbetracht der kolonialen und der Apartheit Vergangenheit, in Anbetracht der enormen Schieflage bei Vermögen und Einkommen, in Anbetracht der Versuchungen der Korruption, in Anbetracht der Sicherheitslage.
In Südafrika bestehen erste und dritte Welt neben- und miteinander. Wohingegen Europa immer wieder verzweifelt versucht, die dritte Welt draußen zu halten, mit Hilfe von großen Zäunen, bewaffnetem Sicherheitspersonal und rigiden Gesetzen.

In dem Moment, in dem ich endlich die Gautrain-Zugstation in Rosebank betrete, hab ichs raus: mit all seinen unbegreiflichen Gegensätzen ist Südafrika die vollständige und originäre Welt, kein schönes Abbild und nicht nur ein Teil der Welt. Von der südafrikanischen Welt können auch wir in Europa lernen. Denn langsam breitet sich auch in Europa die Realität aus, in der mächtige Zäune nicht die Flüchtlingsströme abhalten, in der die dritte Welt in die erste Welt einbricht. Jetzt ist es an Europa, mit der verdrängten Realität im eigenen Land umzugehen. Und ich bin mir gar nicht sicher, ob Europa das besser kann als es Südafrika im Moment macht. Europäische Erfahrungen und europäisches Wissen – und selbst europäisches Geld – sind auch nur begrenzt und reichen nicht aus, alles zu erklären und alles zu regeln. Das zu verstehen, dafür war ich hier, dafür hat sich mein Aufenthalt in Südafrika gelohnt.
Und ich gebe zu, als sich die hochmoderne Tür des in Großbritannien entwickelten Gautrain Zuges sachte hinter mir schließt habe ich das Gefühl, als sei ich bereits wieder im vermeintlich sicheren Europa. Und das mitten in Südafrika.

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